Der Amur-Leopard (Panthera Pardus Orientalis) – Platz 1 der vom Aussterben bedrohten Großkatzen

von Susanne Peimann (2008)

Denkt man an Sibirien fällt einem zuerst der ebenfalls vom Aussterben bedrohte sibirische Tiger (Amur-Tiger) ein, für welchen bereits seit mehreren Jahrzehnten Schutzprogramme laufen. Er ist das Aushängeschild der Region Primorskii Krai/Sibirien. Jeder liebt dieses schöne Tier und seine Population hat sich mittlerweile dank diverser Schutzmaßnahmen ansatzweise stabilisiert.  Gwendy, Serengeti Park Hodenhagen

,Gwendy’, Serengeti-Park Hodenhagen – (S. Peimann, 2007)

Aber eine andere Großkatze, für welche die Lebensumstände noch dramatischer sind, lebt ebenfalls in der Amur Region, der Amur Leopard (Panthera Pardus Orientalis). Ist der Amur-Tiger auf Platz 7 der vom Aussterben bedrohten Großkatzen, so nimmt der Amur-Leopard den traurigen ersten Platz in diesem Ranking ein.
War er früher in weiten Teilen Nordostchinas (Mandschurei), sowie im gesamten Süden der russischen Provinz Primorje und der koreanischen Halbinsel zu finden, erstreckt sich sein heutiger Lebensraum nur noch auf kleinere Gebiete im Dreiländereck Russland-China-Nordkorea. Das Verbreitungsgebiet wird auf 10000-15000 Quadratkilometer geschätzt.

Außerdem standen sie früher mit anderen Leopardenvorkommen in Südostasien in Verbindung, jedoch durch die fortschreitende Zerstörung ihres Lebensraumes leben sie heute teilweise isoliert.
Der Amur-Leopard gehört zu einer der ca. 27-31 eigenständigen Unterarten des Leoparden. Die Population der noch in Wildnis lebenden Tiere hat einen Bestand von nur noch 25-34 Tieren. Diese Zahl basiert auf jüngsten Zählungen aus dem 1. Quartal 2007 und der Bestand ist somit seit 2003 fast unverändert, was kein gutes Zeichen für den Artenschutz bedeutet, da es deutlich macht, daß sich der Bestand wenig bis gar nicht erholt.

In Zoos in Russland und Europa leben derzeit ca. 208 Tiere, welche Teil des EEP-Programms (Europäisches Erhaltungszuchtprogramm) sind, welches von den Zoos in London und Moskau koordiniert wird.

Des Weiteren sank die durchschnittliche Überlebensrate Jungleoparden pro Weibchen von 1.9 im Jahr 1973 auf 1.0 im Jahr 1991, d.h. die Anzahl der Jungtiere pro Weibchen hat sich bereits halbiert, basierend auf Untersuchungen der russischen Forscher Dmitri Pikunov und Viktor Korkishko (vormaliger Direktor des Naturschutzgebietes Kedrovaya Pad). Es gibt Vermutungen, daß Schwächungen der Jungtiere bereits auf Inzucht zurückzuführen sind.

Paarungen zwischen Vater und Tochter wurden bereits beobachtet. Solche Paarungen könnten längerfristig zu genetischen Problemen führen.

Im Wesentlichen sind 5 Artenbedrohungsfaktoren zu nennen, welche den Amur-Leoparden betreffen. Dazu gehören seine Bejagung und Handel des schönen Fells, sowie Knochen und andere Leopardenteile, welche auf dem internationalen Markt für asiatische Medizin sehr begehrt sind. Außerdem ist natürlich der bereits erwähnte Habitatsverlust als eines der größten Probleme zu erwähnen. Gewinnung von Agrarflächen, saisonale Waldbrände und illegaler Holzschlag, sowie Bau von Straßen und Siedlungen sind in diesem Zusammenhang ebenfalls zu nennen.

Eine weitere Problematik sind die zu kleinen Populationen und somit Inzucht. Außerdem Beutetiermangel, welcher u.a. auf Bejagung durch Menschen zurückzuführen ist. Dieser Punkt hat Konflikte zwischen Mensch und Tier zur Folge.

Es ist bekannt, daß die scheuen Großkatzen sich an Sikahirschfarmen schleichen und dort Tiere reißen. Solche Farmen befinden sich in der Nähe des Hauptverbreitungsgebietes des Amur-Leoparden.

Diverse Naturschutzorganisationen arbeiten mittlerweile an Schutzmaßnahmen zur Rettung der Leoparden.

So gibt es einen Plan für ‚Land of Leopards’. Dieses Projekt sieht eine Zusammenführung der drei Hauptgebiete vor in welchem sich die Leoparden heute noch aufhalten.

Diese Gebiete habe ich während meiner Sibirien-Reise besucht. Es sind Zapovednik ‚Kedrovaya Pad’, Barsovii und das Borisovskoe Plateau. Würden die drei Gebiete zusammengelegt werden, würde dies einer Fläche von insgesamt 188200 Ha entsprechen, ungefähr 40% des derzeitigen Leoparden-Lebensraumes.

Da jedoch alle drei Gebiete unterschiedlichen Ministerien unterstehen, ist ein erheblicher Papieraufwand und Überzeugungsarbeit seitens lokaler Naturschutzorganisationen, wie beispielsweise WWF Russland, Vladivostok, unerläßlich. So werden immer wieder in regelmäßigen Abständen Briefe an die zuständigen Ministerien geschrieben, um das Projekt voranzutreiben.

Einzig Kedrovaya Pad bietet derzeit einen ausgewiesenen, permanent geschützten Lebensraum für die Leoparden. Sind sowohl Barsovii als auch das Plateau schlecht organisierte und finanzierte Gebiete, so trifft man bei Kedrovaya Pad auf klare Zuständigkeiten und Ansprechpartner. Und es ist nur zu hoffen, daß Kedrovaya Pad die Federführung für das ‚Land of Leopards’ erhalten wird.

Darüber hinaus arbeiten die Naturschutzorganisationen an einer russisch-chinesischen-koreanischen Kooperation und an Schutzgebieten auch auf chinesischer Seite. So gab es im September 2007 Besuch von 30 chinesischen Studenten, welche ein Festival für das ‚Land of Leopards’ besucht haben.

Wenn man die politischen Umstände auch in Hinblick auf Nordkorea bedenkt, so ist es eine ganz erhebliche Aufgabe die dort zu bewältigen ist.

Weitere Schutzmaßnahmen dienen der Beendigung der Wilderei und des illegalen Handels mit den Amur-Leoparden, sowie deren Beutetiere.

So haben Organisationen wir TIGRIS eine Antiwilderergruppe ins Leben gerufen, welche mit dem deutschen Schäferhund ‚Nadezjda’ arbeitet und welche das Gebiet Barsovy durchstreift. Solch eine Hundeunterstützung ist auch eines der langfristigen Ziele von Kedrovaya Pad und ein lang gehegter Traum des vormaligen Direktors Korkishko.

Sibirien – (S.Peimann, 2007)

Außerdem wird an einem besseren Wildtiermanagement gearbeitet und in Zusammenarbeit mit örtlichen Jägern soll eine Überjagung der Beutetiere gestoppt werden. Darüber hinaus wurden Aufforstungsprojekte ins Leben gerufen.

Öffentlichkeitsarbeit ist ein ebenfalls wichtiger Punkt auf der Agenda ‚Rettung des Amur-Leoparden’. So hat beispielsweise der WWF vor Ort ein Besucherzentrum eingerichtet, in welchem Informationen gegeben und Filme gezeigt werden u.a. über die Zählung und die Bestandsaufnahme der Tiere mittels des so genannten ‚Monitorings’ und auch, welche Gebiete und Territorien die Tiere über einen längeren Zeitraum benutzten.

Spannend fand ich persönlich, einen Film über den langjährigen Verlauf eines Katers, welcher doch recht große Territorien belegte, die lediglich in einigen Gebieten von Katzen überlagert waren.

Als das Tier jedoch älter wurde, konnte beobachtet werden, wie sein Territorium immer kleiner wurde, mittlerweile von anderen Katern besetzt war, bis er kurz vor seinem Tod nur noch ein sehr kleines Gebiet verteidigen konnte und es sein Eigen nannte.

All diese Schutzmaßnahmen dienen in erster Linie der Erhaltung und Stabilisierung der noch bestehenden Population von 25-34 Tieren.

* ‚Puzan’, Star aus dem Film ‚Leoparden in Sibirien (Last Leopard)’

Meines Erachtens ist jedoch die Auswilderung einer neuen Gruppe unerläßlich, um die Tierart vor dem Aussterben zu bewahren und es erscheint mir wichtig, auf diesen Punkt detaillierter einzugehen.

Organisationen, wie beispielsweise WCS arbeiten derzeit an einem Auswilderungsprojekt, d.h. Etablierung einer neuen Leoparden-Gruppe, welche aus in Zoos zur Welt gekommenen Tieren bestehen soll.

Die Amur-Leoparden leben seit 1961 in Zoos und das internationale Zuchtbuch besteht seit 1974. Alle Tiere gehen aus einer Zucht von 10 Leoparden hervor, welche aus der Wildnis stammen und europäische Zoos haben nur 10 Individuen, welche als reinrassige Amur-Leoparden gelten. 6 davon leben im Zoo in Moskau.

200 Tiere sollten eigentlich ausreichen, um eine genetisch stabile Zuchtgruppe zu erhalten. Jedoch ist bekannt, daß während der frühen Zuchtjahre, unbeabsichtigt ein Leopard einer anderen Unterart, als Zuchtkater eingesetzt wurde und ein ‚Raus-Züchten’ ist nicht mehr möglich. Sollte es dennoch in irgendeiner Form machbar sein, diesen ‚Fehler’ gänzlich verschwinden zu lassen, würde es 10 Generationen, bzw. ca. 50 Jahre dauern.

Alle guten Zuchtprogramme versuchen, die Tiere so reinrassig wie möglich zu halten. In diesem speziellen Fall ist es jedoch so, daß es nicht ausreichend reinrassige Tiere gibt und somit, auch um Inzucht zu vermeiden, eben möglicherweise zusätzlich auf diese Hybrid-Katzen zugegriffen werden müßte.

Es bleibt abzuwarten, ob die zuständigen Personen aus Russland diesen Aspekt akzeptieren können.

Übrigens ist es erst kürzlich aufgefallen, daß es Unterschiede zwischen den in Freiheit und den in Zoos lebenden Tieren gibt. Vermutlich ist dies einzig auf die Untersuchung der Gene zurückzuführen.

Des Weiteren ist zu klären, welches Gebiet ausreichend Schutz und einer neuen Gruppe ein passendes Umfeld bieten könnte. Z.B. wurde in diesem Zusammenhang bereits das ‚Land of Leopards’ genannt oder der ‚Lazovskij Nationalpark’, welcher sich an der Küste zum Japanischen Meer befindet.

Auch erfordert dieses Projekt genaue Informationen über die Amur-Leoparden und ihr Verhalten, sowie ein fähiges und kompetentes Team, welches dieses Projekt umsetzen kann.

Dass solche Projekte von Erfolg gekrönt sein können, zeigt die Wiederansiedlung des Florida-Pumas, von denen es in den 70iger Jahren weniger als 30 Tiere gab, welche bereits erste Erscheinungen von Inzucht aufwiesen. Heute leben in Florida wieder 50-70 Tiere dieser Art.

Die angesiedelten Weibchen, welche sich mit den Katern verpaart hatten, wurden später wieder zurückgeführt.

Zum Abschluß möchte ich sagen, daß ich auf meiner Reise in Sibirien viel gelernt habe über den Amur-Leoparden, sein Umfeld in dem er lebt, über den Amur-Tiger und natürlich auch über mich selbst. Ich habe Freunde gefunden und viele Gespräche mit sehr geduldigen Personen vor Ort geführt. Wichtige Menschen für das Projekt zur Rettung der Amur-Leoparden und es ist gut, zu wissen, daß einheimische Leute da sind, denen genau klar ist, daß etwas getan werden muß und was zu tun ist. Nur mit deren Einsatz und Engagement können wir gemeinsam zu einem dauerhaften Erfolg kommen, denn einer der wichtigsten Aspekte beim Artenschutz ist, daß die Menschen vor Ort sich der Tierwelt bewußt sind und sich verantwortlich fühlen.

Strukturen innerhalb der nationalen Systeme, wie beispielsweise die russische Bürokratie, werden nur von Einheimischen, welche die gleiche Sprache sprechen gekannt und nur so können auch die zuständigen ‚Kanäle’ in der richtigen Form angesteuert werden.

*

Wer den Amur-Leoparden einmal in seinem Winterfell gesehen hat, wird fasziniert sein von seiner Schönheit und seiner Präsenz.

Für mich persönlich ist sie die schönste Großkatze, die auf Erden wandelt und ich hoffe inständigst, daß auch folgende Generationen die Möglichkeit bekommen werden, PANTHERA PARDUS ORIENTALIS zu ERLEBEN.

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